Grüner Tee entzündungshemmend? Der Stand der Forschung

Kurzantwort: Im Labor hemmen Grüntee-Catechine Entzündungsvorgänge zuverlässig. Bei Menschen zeigen Übersichtsarbeiten kein einheitliches Bild: Auf Entzündungswerte wie CRP, Interleukin-6 und TNF-alpha wirkt grüner Tee in Studien uneinheitlich bis gar nicht. In der EU ist deshalb keine entsprechende Werbeaussage zugelassen.

Kaum eine Pflanze hat so viele Laborstudien hinter sich wie der Teestrauch. Ein Großteil davon dreht sich um Entzündung.

Aus diesen Arbeiten stammt der Ruf, grüner Tee sei entzündungshemmend. Zellkultur und Mensch sind allerdings zwei verschiedene Fragen.

Hier steht, was in der Zelle passiert, was Studien am Menschen ergeben haben, warum die Ergebnisse auseinandergehen und was das für die Tasse bedeutet.

Was entzündungshemmend bedeutet

Entzündung ist eine Abwehrreaktion. Sie ist bei einer Verletzung oder Infektion sinnvoll und zeitlich begrenzt.

Problematisch wird sie, wenn sie schwelend bleibt. Solche niedrigschwelligen Entzündungen werden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen in Verbindung gebracht.

Gemessen wird sie über Marker im Blut. Am gebräuchlichsten sind das C-reaktive Protein, kurz CRP, sowie Interleukin-6 und TNF-alpha.

Wenn eine Studie prüft, ob etwas entzündungshemmend wirkt, schaut sie in aller Regel auf diese Werte.

Ein einzelner Wert sagt dabei wenig. CRP steigt schon bei einer Erkältung deutlich an und fällt danach wieder.

Deshalb arbeiten gute Studien mit Kontrollgruppen und längeren Zeiträumen. Einzelmessungen vor und nach einer Teewoche taugen nicht als Beleg.

Was im Labor passiert

Grüner Tee enthält Catechine, allen voran EGCG. In Zellversuchen greift EGCG in mehrere Signalwege ein, die Entzündungsreaktionen steuern.

Die Ergebnisse sind über viele Zelltypen hinweg konsistent. Deshalb gilt EGCG in der Grundlagenforschung als gut untersuchter entzündungshemmender Stoff.

Auch Tierversuche zeigen Effekte, etwa bei künstlich ausgelösten Darmentzündungen bei Mäusen.

Diese Versuche arbeiten mit Konzentrationen, die im Blut eines Teetrinkers nicht vorkommen. Genau hier beginnt die Lücke.

Zellen in der Schale bekommen den Stoff direkt. Im Körper muss er erst den Magen, den Darm und die Leber passieren.

Ein Teil wird dabei chemisch verändert, ein Teil ausgeschieden. Was ankommt, ist weder dieselbe Menge noch derselbe Stoff.

Was Studien am Menschen zeigen

Eine Übersichtsarbeit von 2019 fasste randomisierte Studien zu grünem Tee und Entzündungsmarkern zusammen. Ein Effekt auf CRP ließ sich nicht zeigen.

Bei den übrigen Markern fielen die Ergebnisse gegenläufig aus. Eine spätere Übersichtsarbeit fand ebenfalls keinen belastbaren Nutzen für CRP, Interleukin-6 und TNF-alpha.

Auch eine hochdosierte Studie half nicht weiter. Teilnehmerinnen nahmen ein Jahr lang Grüntee-Extrakt mit rund 843 Milligramm EGCG täglich, die Entzündungswerte unterschieden sich am Ende nicht von der Vergleichsgruppe.

Für einzelne Erkrankungen gibt es Hinweise aus kleineren Untersuchungen. Für eine allgemeine Aussage reicht das nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Studien sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Mal Aufguss, mal Extrakt, mal gesunde Teilnehmende, mal Menschen mit Stoffwechselstörungen.

Solche Unterschiede lassen sich in einer Meta-Analyse nur begrenzt ausgleichen. Das erklärt einen Teil der widersprüchlichen Ergebnisse.

Warum Labor und Mensch auseinanderfallen

Der Hauptgrund ist die Bioverfügbarkeit. Nur ein kleiner Teil der Catechine gelangt aus dem Darm ins Blut.

Der Rest wandert in den Dickdarm und wird dort von Bakterien umgebaut. Welche Abbauprodukte dabei entstehen, hängt von der individuellen Darmflora ab.

Dazu kommt die Dosis. Eine Tasse liefert eine Menge EGCG, die weit unter dem liegt, was in Zellversuchen eingesetzt wird.

Und die Messung selbst ist unscharf. Entzündungsmarker schwanken mit Infekten, Schlaf, Sport und Gewicht, was kleine Effekte leicht verdeckt.

Was beworben werden darf

Gesundheitsbezogene Angaben brauchen in der EU eine Zulassung. Für grünen Tee und Entzündung gibt es keine.

Ein Hersteller darf deshalb nicht schreiben, sein Tee wirke entzündungshemmend. Wer es trotzdem tut, bewegt sich außerhalb der Regeln.

Das ist kein Urteil über die Forschung. Es beschreibt nur, dass die Belege für eine zugelassene Aussage nicht ausreichen.

Für dich heißt das: Werbung mit dieser Formulierung ist ein Warnsignal, kein Qualitätsmerkmal.

Zulässig sind allgemeine Hinweise auf Genuss, Geschmack und Zubereitung. Sobald eine körperliche Wirkung ausgelobt wird, greift die Zulassungspflicht.

Das gilt für Verpackungen genauso wie für Online-Shops und Werbetexte. Auch Formulierungen wie „unterstützt die Abwehrkräfte“ fallen darunter.

Extrakte sind eine eigene Sache

Nahrungsergänzung mit Grüntee-Extrakt erreicht Mengen, die im Aufguss nicht vorkommen.

Die EFSA kam 2018 zu dem Schluss, dass ab 800 Milligramm EGCG täglich aus Extrakten erhöhte Leberwerte auftreten, ein Zeichen für Leberschädigung.

Eine sichere Dosis für Extrakte konnte die Behörde nicht festlegen. Aufgebrühter Tee wurde davon ausdrücklich unterschieden und als unbedenklich eingestuft.

Wer Präparate nimmt und zusätzlich viel Tee trinkt, addiert beides. Das gehört mit der behandelnden Praxis besprochen.

Besondere Vorsicht gilt bei bestehender Lebererkrankung und bei Medikamenten, die über die Leber abgebaut werden.

Anzeichen wie anhaltende Müdigkeit, dunkler Urin oder eine gelbliche Färbung der Haut gehören sofort abgeklärt.

Für die tägliche Tasse Tee gilt das alles nicht. Die EFSA hat aufgebrühten grünen Tee ausdrücklich anders bewertet als konzentrierte Extrakte.

Häufige Fragen

Wirkt grüner Tee entzündungshemmend?

Im Labor ja, beim Menschen ist es nicht belegt. Übersichtsarbeiten finden keinen einheitlichen Effekt auf die üblichen Entzündungsmarker.

Wie viel müsste man trinken?

Das lässt sich nicht beziffern, weil keine wirksame Dosis feststeht. Selbst hochdosierte Extraktstudien zeigten keinen Effekt.

Hilft grüner Tee bei Arthrose oder Rheuma?

Ein Nachweis fehlt. Behandlungen dieser Erkrankungen gehören in ärztliche Hände.

Ist Matcha stärker als aufgebrühter Grüntee?

Du nimmst mehr Catechine auf, weil du das ganze Blatt trinkst. Ob daraus ein messbarer Effekt wird, ist offen.

Sind Grüntee-Kapseln sinnvoll?

Ein Nutzen ist nicht belegt, und ab 800 Milligramm EGCG täglich warnt die EFSA vor Leberschäden.

Was ist mit dem Blutbild?

Ein erhöhtes CRP hat viele mögliche Ursachen. Es gehört ärztlich eingeordnet, nicht mit Tee behandelt.

Quellen

Phytotherapy Research 2019: Systematische Übersicht und Meta-Analyse zu grünem Tee und Entzündungsmediatoren
Randomisierte Studie: Grüntee-Extrakt und Entzündungszytokine über ein Jahr
EFSA 2018: Gutachten zur Sicherheit von Grüntee-Catechinen

Geschrieben von Mira, Redaktion teegeflüster.de — sie schreibt hier über Tee, Zubereitung und was drinsteckt.

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