Kurzantwort: Beides trifft zu, nur auf verschiedenen Zeitskalen. Kurz nach der Tasse hebt das Koffein den Blutdruck leicht an. Über Wochen gemessen zeigen Studien die Gegenrichtung: Der Cochrane-Review von 2013 fand für grünen Tee eine Senkung um 3,18 mmHg systolisch und 3,42 mmHg diastolisch. Die Datenbasis dafür ist schmal — es trugen nur wenige Studien bei.
„Grüner Tee senkt den Blutdruck“ steht in vielen Ratgebern. „Koffein treibt den Blutdruck hoch“ steht in ebenso vielen.
Beide Sätze stützen sich auf Messungen. Sie messen nur unterschiedliche Dinge.
Hier stehen die beiden Effekte getrennt, mit ihren Zahlen und mit dem, was sie nicht belegen.
Zwei Effekte, zwei Zeitskalen
Der eine Effekt tritt binnen Minuten ein und hält Stunden. Er geht auf das Koffein zurück.
Der andere zeigt sich erst über Wochen regelmäßigen Konsums. Er wird den Catechinen zugeschrieben, also den Polyphenolen im Blatt.
Wer nur eine Einzelmessung macht, sieht den ersten. Wer über Monate misst, sieht den zweiten — falls er bei ihm überhaupt auftritt.
Deshalb widersprechen sich die Aussagen nicht, obwohl sie gegensätzlich klingen.
Für die Praxis heißt das vor allem eines: Der Zeitpunkt der Messung entscheidet über das Ergebnis. Wer zehn Minuten nach der Tasse misst, bekommt einen anderen Wert als jemand, der morgens nüchtern misst.
Das erklärt auch, warum Erfahrungsberichte so weit auseinandergehen. Sie beschreiben oft dieselbe Person, nur zu verschiedenen Zeitpunkten.
Kurzfristig: das Koffein
Koffein hebt den Blutdruck nach der Aufnahme messbar an. Wie stark, hängt davon ab, wie gewöhnt jemand daran ist.
Bei regelmäßigem Konsum tritt Gewöhnung ein. Die Deutsche Hochdruckliga formuliert es für Kaffee so: Zwei bis drei Tassen am Tag haben langfristig keine Auswirkungen auf den Blutdruck.
Grüner Tee startet niedriger. Er liefert etwa 20 bis 45 Milligramm Koffein pro Tasse, laut Verbraucherzentrale rund die Hälfte von Schwarztee. Filterkaffee liegt bei 80 bis 120 Milligramm.
Praktische Folge für Messungen: Vor einer Blutdruckmessung in der Praxis keinen frischen Tee trinken. Sonst misst du den Tee mit.
Wie stark der Anstieg ausfällt, hängt außerdem davon ab, wie schnell jemand Koffein abbaut. Das EFSA-Gutachten von 2015 nennt für Erwachsene eine Halbwertszeit von zwei bis acht Stunden — eine große Spanne, die erklärt, warum dieselbe Tasse sehr verschieden wirkt.
Langfristig: die Zahlen aus dem Cochrane-Review
Der Cochrane-Review von 2013 wertete Studien zu grünem und schwarzem Tee aus. Für grünen Tee ergaben sich Senkungen von 3,18 mmHg systolisch (95-Prozent-Konfidenzintervall −5,25 bis −1,11) und 3,42 mmHg diastolisch (−4,54 bis −2,30).
Für schwarzen Tee fiel der systolische Wert mit 1,85 mmHg kleiner aus.
Beide Ergebnisse waren statistisch signifikant. Zur Einordnung schreiben die Autoren, dass jeweils nur wenige Studien beitrugen und Studien mit Verzerrungsrisiko darunter waren.
Der Review konnte nicht klären, ob daraus weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle folgen. Dafür fehlen Langzeitstudien mit harten Endpunkten.
Warum die Evidenz begrenzt bleibt
Tee lässt sich schlecht verblinden. Wer grünen Tee trinkt, weiß es — und wer weiß, dass er etwas Gesundes tut, ändert oft mehr als nur das Getränk.
Dazu kommt die Vielfalt des Materials. Sorte, Anbau, Ernte und Zubereitung verändern den Catechingehalt erheblich. Zwei Studien mit „grünem Tee“ können sehr verschiedene Mengen verabreicht haben.
Die EFSA hat genau das festgehalten: Wegen der wechselnden chemischen Zusammensetzung der Catechine ließ sich keine Empfehlung für eine Aufnahmemenge ableiten.
Deshalb bleibt es bei einer plausiblen, aber schwach belegten Tendenz.
Wie du es bei dir selbst prüfst
Miss morgens vor dem ersten Getränk, nach fünf Minuten Sitzen, am selben Arm, mit derselben Manschette. Zwei Messungen im Abstand von einer Minute, den zweiten Wert notieren.
Führ das zwei Wochen ohne grünen Tee und zwei Wochen mit einer festen Tagesmenge. Alles andere möglichst gleich lassen.
Einzelwerte schwanken stark. Aussagekraft hat nur der Mittelwert über viele Tage.
Notier den Zeitpunkt der letzten Tasse gleich mit. Sonst lässt sich hinterher nicht trennen, was Koffeineffekt war und was Alltagsschwankung.
Und wechsle das Messgerät nicht mitten im Versuch. Zwei Geräte weichen leicht voneinander ab, und dieser Unterschied ist größer als der Effekt, den du suchst.
Bei dauerhaft erhöhten Werten gehört das Ergebnis in eine ärztliche Praxis, nicht in eine Ernährungsumstellung auf eigene Faust.
Was am Blutdruck mehr dreht als Tee
Salz. Die Deutsche Hochdruckliga nennt bis zu 5 Gramm Speisesalz am Tag als Orientierung — etwa einen Teelöffel. Der größte Teil steckt in Brot, Wurst und Fertigprodukten.
Alkohol. Auf ein Minimum reduzieren oder ganz weglassen, so die Empfehlung der Fachgesellschaft.
DASH-Kost. Salzarm, viel Obst, Gemüse, Vollkorn, fettarme Milchprodukte, mageres Fleisch und Fisch. Das Muster ist als Ganzes untersucht, nicht als Einzelzutat.
Bewegung und Gewicht. Beide zeigen in Studien größere Effekte als jedes einzelne Lebensmittel.
Grüner Tee passt daneben. Er ersetzt nichts davon, und er ersetzt erst recht keine verordnete Behandlung.
Häufige Fragen
Erhöht grüner Tee den Blutdruck?
Kurz nach dem Trinken leicht, durch das Koffein. Bei Gewöhnung schwächt sich dieser Effekt ab.
Wie schnell senkt grüner Tee den Blutdruck?
Die gemessenen Senkungen stammen aus Studien über Wochen bis Monate. Eine einzelne Tasse senkt nichts.
Wie viel Tee brauche ich für den Effekt?
Eine belastbare Menge lässt sich aus den Studien nicht ableiten, weil der Catechingehalt zu stark schwankt.
Ist entkoffeinierter grüner Tee besser für den Blutdruck?
Er umgeht den kurzfristigen Anstieg. Ob die langfristige Senkung erhalten bleibt, ist nicht untersucht.
Kann ich Blutdruckmedikamente mit grünem Tee einnehmen?
Besser nicht. Für den Betablocker Nadolol ist eine deutliche Verringerung der Blutspiegel beschrieben. Sprich den Abstand mit deiner Praxis ab.
Wie viel Koffein steckt in einer Tasse grünem Tee?
Rund 20 bis 45 Milligramm, je nach Sorte, Blattmenge und Ziehzeit.
Quellen
Cochrane: Grüner und schwarzer Tee zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Deutsche Hochdruckliga: Bluthochdruck und Ernährung
Verbraucherzentrale: Grüntee-Extrakt und Koffeingehalt von Grüntee
EFSA: Bewertung der Grüntee-Catechine
Geschrieben von Mira, Redaktion teegeflüster.de — sie schreibt hier über Tee, Zubereitung und was drinsteckt.
